Aktueller Planungsstand
Artikel 5 Absatz 4 Satz 4 des Staatsvertrags über eine Feste Fehmarnbeltquerung (dt. Fassung) vom 3.09.2008 fordert einen „bedarfsgerechten Ausbau der Schienenhinterlandanbindung“. Die Planungsgrundlagen für ein jüngst von der DB Netz AG zum Raumordnungsverfahren für die Schienenhinterlandanbindung herausgegebenes Gutachten bilden
- die Prognosen des in 2003 vom Fehmarnbelt Traffic Consortium herausgegebenen „Fehmarn Belt Forecast 2002 - Final Report“ sowie
- die aktuellen Planungen zum Bundesverkehrswegeplan (BVWP) der Beratergruppe Umwelt + Verkehr GmbH (BVU), Freiburg/München 2010.
Aufgrund eines Linienkonzepts, das für den Fernverkehr (FV) und den Regionalverkehr (RV) auf der Festen Fehmarnbeltquerung jeweils einen 2h-Takt vorsieht, wird das Verkehrsangebot in Tabelle 1 bzw. Abbildung 1 abgeleitet:
| Linie |
Zugart |
Takt |
Zugpaare |
| (Hamburg -) Lübeck – Nykoebing (- Kopenhagen) |
FV |
2h |
6 + 5 1) |
| Lübeck (– Neustadt Bbf) – Neustadt Bhf. 2) |
RV |
1h |
19 |
| Lübeck (– Neustadt Bbf) – Fehmarn-Burg 2) |
RV |
2h |
9 |
| Fehmarn-Burg – Nykoebing |
RV |
2h |
9 |
Tab. 1: Linien auf Kursbuchstrecke 141 (Lübeck – Puttgarden [- Nykoebing]) lt. BVWP - Veränderungen gegenüber IST-Zustand in Kursivdruck
Legende:
1) mit zusätzlichen Fahrten zum 2h-Takt
2) Zugfahrten im Abschnitt Lübeck – Neustadt Bbf (Betriebsbahnhof) vereint
Abbildung 1 verdeutlicht:
- Direkte Linien, welche die K.E.R.N.-Region (Kiel, Eckernförde, Rendsburg, Neumünster) ohne Umsteigen bzw. Richtungsumkehr mit dem Fehmarnbelt-Tunnel verbinden, sind nicht vorgesehen.
- Die Kopfbahnhöfe Neustadt (Holst.) und Fehmarn-Burg werden von den Fernverkehren auf der Transitachse Hamburg – Kopenhagen nicht bedient.
Abb. 1: Verkehrsangebot gemäß Bundesverkehrswegeplan (BVWP); Quelle: DB Netze (Hrsg.), Gutachten zur verkehrlichen Erschließung der Anliegergemeinden, S. 55. Erstellung durch ETC Transport Consultants GmbH, 12435 Berlin, Arbeitsstand 16.05.2012.
10 Jahre nach Erstellung des Fehmarnbelt Forecast 2002 drängen sich folgende Fragen auf:
- Bilden die Verkehrsprognosen von 2002 heute noch eine zuverlässige Basis?
- Werden die Verkehrsprognosen und –modelle den Zielen gerecht, die in der Präambel des Staatsvertrags vom Jahre 2008 vereinbart wurden?
- Tragen die Verkehrsmodelle den Verschiebungen der Verkehrsströme nach Eröffnung des Fehmarnbelt-Tunnels ausreichend Rechnung?
Die Annahme von lediglich 11 Zugpaaren im Fernverkehr zwischen Hamburg und Kopenhagen (s. Tab. 1) erscheint revisionsbedürftig. Auf der Relation Nykoebing – Kopenhagen verkehren heute folgende Linien im Expreßverkehr (EV) und Regionalverkehr (RV):
| Linie |
Zugart |
Takt |
Zugpaare |
| Nykoebing – Kopenhagen |
EV |
1h |
14 |
| Nykoebing – Kopenhagen |
RV |
1h |
20 |
Tab. 2: Verkehre auf DSB-Strecke 2, Abschnitt Nykoebing – Kopenhagen; Quelle: HAFAS Fahrplaninformation (Zugpaare über beide Richtungen gemittelt)
In Schweden, Dänemark und Deutschland haben sich an der 1000 km langen Achse Stockholm – Kopenhagen – Hamburg Städte und Gemeinden zur „Europakorridoren AB“ (Sitz: SE-34183 Ljungby) zusammengeschlossen. Mit dem „Europabahn“-Schienenverkehrskonzept wirken sie auf ein effektives, modernes, umweltgerechtes und nachhaltiges Eisenbahnverkehrssystem hin. Im schwedischen Eisenbahnnetz verkehrt der Hochgeschwindigkeitszug X2 auf der Relation Malmö – Stockholm (615 km) derzeit bei einer Fahrzeit von 4:24 – 4:41 mit 14 Zugpaaren im 1h-Takt. Das schwedische Hochgeschwindigkeitsnetz soll mit dem zentraleuropäischen verbunden werden. Die DB Netz AG aber plant nach den Vorgaben des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) eine Ertüchtigung der Bestandsstrecke Lübeck – Puttgarden mit Höchstgeschwindigkeiten von maximal 160 km/h.
Vor diesen Hintergrund drücken die Beiträge vom 5.07.2011 und 24.07.2012 von Kollegen Wichmann-Matthiessen (Universität Kopenhagen) und Frau Kollegin Meyer-Jakobsen (Universität Roskilde) ihre Sorge über nicht bedarfsgerechte Planungen aus. Unter Hinweis auf die Verkehrsbedarfe in einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft und die gebotene Nachhaltigkeit des Projekts mahnen sie Korrekturen an.
Ja, ihre Vorstellungen sind auf der 180 km langen Schnellfahrstrecke Köln – Rhein/Main mit einer Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h, 5 Zwischenhalten, einer Flughafenschleife Köln-Airport und direktem Anschluss an Flughafen Frankfurt/M. verwirklicht. Die bislang kürzeste planmäßige Reisezeit wurde im Fahrplanjahr 2010 mit 63 Minuten (Reisegeschwindigkeit: 171,4 km/h) erreicht. Als Vorbild für einen regionalen Erschließungsbahnhof dient Bhf. Montabaur. Er ist zugleich ein Beweis für die Wachstumsfunktion von ICE-Halten an Schnellfahrstrecken. Für ICE-Fahrgäste besteht ein kostenloser Shuttle-Service in das Zentrum der 13000-Einwohnerstadt.
Zur Historie
Warum gelten für die Planung der Achse Hamburg-Kopenhagen andere Prinzipien? Entwickelt sich hier eine Tragödie gleich der von William Shakespeare im „Hamlet“ beschriebenen? - Folgende Zitate aus „Hamlet“ sind weltberühmt:
(1) “Something is rotten in the state of Denmark.“
(2) “The time is out of joint.”
Die Tragödie des Prinzen von Dänemark wurde 1602 in London uraufgeführt. Im Jahre 2012, also 410 Jahre später, ist das erste Zitat zu ersetzen durch:
“Nowadays, something is rotten in the state of Germany.”
Wenn nach Eröffnung des Fehmarnbelt-Tunnels der Intercity Express (ICE) zwischen Hamburg und Fehmarn-Burg im Eilzugtempo - gleich einem Regionalexpress (RE) - fahren sollte, verdanken wir dies jenen, die 2008 den Staatsvertrag für die Bundesrepublik Deutschland paraphiert haben: Verkehrsminister a.D. Wolfgang Tiefensee und Botschafter a.D. Christoph Jessen.
Wolfgang Tiefensee (* 4.01.1955 in Gera) war im Kabinett Merkel I in Personalunion Bundesverkehrsminister und Beauftragter für die neuen Bundesländer. Er hatte zu allererst die Interessen von Mecklenburg-Vorpommern und der Hafenwirtschaft an Nord- und Ostsee vor Augen. Er wurde darin durch Angela Merkel (Wahlkreis 15: Stralsund – Nordvorpommern – Rügen / Mecklenburg-Vorpommern) bestärkt. Tiefensee trat zudem für eine enge Verknüpfung von Betrieb und Netz der DB ein. Heute steht fest, daß diese Kopplung mit dem Grundgesetz unvereinbar ist, weil so die Deutsche Bahn AG als Privatunternehmen von staatlichen Leistungen profitieren und weniger dem Gemeinwohl dienen würde.
An Christoph Jessen (* 31.08.1946 in Kiel) verwundert, dass er als gebürtiger Kieler den Staatsvertrag paraphiert hat, obwohl dieser, indem z.B. Artikel 5 keine direkte Schienenanbindung der K.E.R.N.-Region an den Fehmarnbelt-Tunnel unter Reaktivierung der Strecken Eutin – Neustadt (Holst.) und Ascheberg – Neumünster vorsieht, gegen elementare Raumordnungsprinzipien und Interessen von Schleswig-Holstein verstößt. Bereits jetzt zeichnen sich nach Anschluss der kreisfreien Stadt Neumünster an die Metropolregion Hamburg ein weiteres Schrumpfen des Regiopols Kiel und die wirtschaftlichen Konsequenzen ab. Christoph Jessen ist seit September 2011 Sprecher des “Dialogforums Feste Fehmarnbeltquerung” (Sitz in der Geschäftsstelle des Kreises Ostholstein, Eutin).
Hamburg / Schleswig-Holstein: Reicher Süden, armer Norden
Die Bürger und die Wirtschaft in Schleswig-Holstein müssen sich wappnen. Bei der Entwicklung des Primär-Pro-Kopf-Einkommens brauchen Hamburg und die angrenzenden Kreise Stormarn, Pinneberg keinen Vergleich mit den süddeutschen Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern zu scheuen; desaströs schneiden dagegen die kreisfreien Städte Schleswig-Holsteins (Flensburg, Kiel, Lübeck, Neumünster) ab. Die Landeshauptstadt Kiel nimmt unter allen Kreisen und kreisfreien Städten den vorletzten Rang (vor Flensburg) ein; das Primär-Pro-Kopf-Einkommen betrug im Jahre 2009 in Kiel bzw. Flensburg 61% resp. 56% dessen der Bürger in Hamburg (Statistisches Landesamt Baden-Württemberg). Die Ursachen für dieses Süd-Nord-Gefälle sind:
- eine nicht wettbewerbsfähige Schieneninfrastruktur und unzureichende Betriebsmodelle des schienengebundenen Öffentlichen Personenverkehrs (ÖPV) - somit die Erreichbarkeit für Arbeitsnehmer und Arbeitgeber in einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft - im polyzentrischen Städtesystem Schleswig-Holsteins,
- die Randlage im Euro-Raum und ein geringer Austausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen Euro- und Krone-Zone.
Sehr geehrter Herr Jessen, werte GRÜNEN,
eine Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene zu fordern, aber nein zu sagen, wenn die Schieneninfrastruktur verbessert und Schnellfahrstrecken gebaut werden sollen, so geht es nicht! Das ist nicht nur umwelt-, sondern auch bürger- und wachstumsfeindlich! Das hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun! Um die Wirtschaftskraft von Schleswig-Holstein zu steigern und die hierfür erforderliche Mobilität durch umweltfreundliche Alternativen zum Kurzstrecken-Flugverkehr und zum Motorisierten Individualverkehr (MIV) bewältigen zu können, brauchen wir schnelle Bahnstrecken nicht nur zwischen Hamburg und Berlin, Köln und Frankfurt/M. oder Stuttgart und München, sondern auch zwischen Hamburg, Kiel, Lübeck und Kopenhagen. Dies folgt aus den Grundsätzen der Entwicklung eines transnationalen polyzentrischen Städtesystems und den Maßgaben des deutschen Raumordnungsgesetzes (ROG).
Eine attraktive Bahn muss in Hamburg / Schleswig-Holstein eine echte Konkurrenz für Straße und Flugzeug bilden:
- Deshalb benötigen wir ein Konzept für ein effektives, modernes, umweltgerechtes und nachhaltiges Eisenbahnverkehrssystem, welches im Hauptzulauf des Fehmarnbelt-Tunnels das schwedische mit dem zentraleuropäischen Hochgeschwindigkeitsnetz verbindet und in Nebenzuläufen das Netz von Schleswig-Holstein an diesen Hauptzulauf anbindet.
- Deshalb verbieten sich derart obstruktive Vereinbarungen zur Schienenhinterlandanbindung wie in Artikel 5 des Staatsvertrags.
- Deshalb sind Vorgaben des BMVBS zurückzuweisen, die zwischen Hamburg und dem Fehmarnbelt eine Nutzung der Bestandsstrecken und deren Ertüchtigung auf Höchstgeschwindigkeiten von maximal 160 km/h und keinen direkten Anschluß der K.E.R.N.-Region an den Hauptzulauf zum Fehmarnbelt-Tunnel ohne Umsteigen / Richtungsumkehr im Knoten Lübeck vorsehen.
Umweltfreundliche Wege zu Wachstum, Wohlstand und sozialer Sicherheit
Je länger sich die Euro-Krise hinzieht, umso größer wird die Kluft zwischen Old Europe und New Europe. Jüngst stellte die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) fest:
„Skandinavische Staaten schlagen sich in der Krise am besten; denn sie verbinden wachstumsfreundliche Politik mit einem krisenfesten Sozialstaat.“
Für die OECD sind die Skandinavier die heimlichen Stars. Mit dem Bau des Fehmarnbelt-Tunnels beweist Dänemark Zukunftsorientierung am Technischen Fortschritt, Gestaltungskraft und eine nachhaltige Umweltpolitik. Die Initiative „Green STRING Corridor“ ist ein weiterer Beweis dafür - herzlichen Glückwunsch und Anerkennung, dänische Nachbarn!
Europäisches Denken ist bei der Bundesregierung in Berlin recht einseitig ausgeprägt:
- Für den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) werden zig Milliarden Euro bereitgestellt und weitgehende Risiken übernommen, Dänemark aber möge den Fehmarnbelt-Tunnel gefälligst alleine finanzieren und das alleinige Risiko tragen!
- Die Vorgaben des Staatsvertrags zur Schienenanbindung der Festen Querung an das bestehende Eisenbahnnetz entsprechen weder den Anforderungen der zu erwartenden Transit- und Regionalverkehre noch den TEN-V-Standards Transeuropäischer Hochgeschwindigkeitsnetze.
Die Bürger sollen sich mit einer minimalistischen Verkehrsanbindung zufrieden geben; für ein leistungsfähiges Eisenbahnnetz ist kein Geld da!
Sehr geehrter Herr Botschafter a.D. Christoph Jessen,
wie konnten Sie als Schleswig-Holsteiner einen solchen Staatsvertrag unterschreiben? Ich hätte mich strikt geweigert und Nachbesserung verlangt! Von Anfang war an offensichtlich, dass die Planungen des BMVBS im Widerspruch zu den Leitvorstellungen der Raumordnung für Hamburg / Schleswig-Holstein stehen und die Design-Vorgaben sich als nicht umsetzbar erweisen werden. Des Übels Wurzeln liegen
- in der im Staatsvertrag vorgesehenen asymmetrischen Finanzierung des Fehmarnbelt-Projekts und
- in der ungenügenden Vertragsvorbereitung und Missachtung der Erfahrungen aus vorangegangenen Verträgen.
Erstens wäre besser gewesen, Deutschland und Dänemark hätten
- die Finanzierung des Projekts, wie Italien und Österreich beim Bau des Brenner-Basistunnels, zunächst aus den Verhandlungen ausgeklammert und
- die verkehrspolitische Bedeutung und die technischen Realisationsmöglichkeiten dieses Projekts anhand von Machbarkeitsstudien geprüft.
Letztlich vereinbarten die Regierungen in Rom und Wien, die Projektkosten beim Brenner-Basistunnel je zur Hälfte zu tragen. Am Fehmarnbelt aber trägt das Königreich Dänemark die Kosten und das Projektrisiko für die Querung allein; dafür räumt ihm der Staatsvertrag das Recht ein, seine Verkehrsanbindungen durch künftige Gewinne aus dem Projekt zu finanzieren. Deutschland muss seine Ausgaben für die Verkehrsanbindung durch Mehreinnahmen bzw. Ausgabenkürzungen bei anderen Haushaltspositionen ausgleichen. Einer Neuverschuldung steht die vermeintliche „Schuldenbremse“ entgegen.
Die ungleiche Finanzierung des Fehmarnbelt-Tunnels schadet dem Projekt, der Qualität der Verkehrsanbindungen, den Bürgern von Schleswig-Holstein und dem Frieden mit den Nachbarn. Das stiftet Unfrieden - im Inneren und nach außen! Die Inschrift auf der Feldseite des Lübecker Holstentores mahnt: Eintracht im Inneren und Frieden mit den Märkten (Nachbarn)
„Concordia domi foris pax“
Zweitens wäre besser gewesen, die Vertragspartner hätten vor Abfassung von Artikel 5 des Fehmarnbeltvertrags die „Vereinbarung zwischen dem Vorsteher des Eidgenössischen Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartements und dem Bundesminister für Verkehr der Bundesrepublik Deutschland zur Sicherung der Leistungsfähigkeit des Zulaufes zur neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) in der Schweiz“ vom 6.9.1996 studiert und sie zum Vorbild genommen. Das Projekt „Alp Transit“ der Schweizerischen Bundesbahnen verfolgt vor allem folgende Ziele:
(1) Verbesserung des Eisenbahn-Transitverkehrs in Nord-Süd-Richtung durch Bau von Basistunneln (mit Höchstgeschwindigkeit 250 km/h) anstelle von Scheiteltunneln,
(2) Verlagerung des Schwerverkehrs von der Straße auf die Schiene.
Es hätten sich also leicht jene methodischen und systemischen Mängel vermeiden lassen, die nun Anlass geben, die im Staatsvertrag vorgesehene Verständigungsklausel anzuwenden und konkrete Vereinbarungen über Design und Umsetzung der Schienenzuläufe des Fehmarnbelt-Tunnels zu schließen. Zuvor sind klare Begrifflichkeiten, angebotsorientierte Bedarfsanalysen und Beratungen über ein „Intelligentes Design der Zuläufe im Fehmarnbelt Transit“ geboten.
Empfehlungen für einen bedarfsgerechten Ausbau der Zuläufe
Ein bedarfsgerechter Ausbau der Schienenhinterlandanbindung“ erfordert unter dem Ziel der Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene, dass die Reisezeiten mit der Bahn im polyzentrischen Städtesystem Hamburg, Kiel, Lübeck, Kopenhagen wesentlich unter denen des Motorisierten Individualverkehrs (MIV) liegen. Die Zielgeschwindigkeit vz, um auf einer Strecke mit n Haltepunkten (inkl. Start und Ziel) eine Reisegeschwindigkeit vR zu erzielen, ergibt sich in Abhängigkeit der geforderten Reisezeit tR und der (aus Vereinfachungsgründen) als an allen Stationen gleich angenommenen Haltezeiten tH bei gleich langen Zeiten tA für Anfahren und Anhalten gemäß:
vz = vR / [1 –(2 * (n-1) vR / tR + (n-2) tH / tR].
Nach Eröffnung des Fehmarnbelt-Tunnels werden sich auf den Achsen Hamburg – Kopenhagen und Kiel – Kopenhagen folgende Entfernungen und MIV-Reisezeiten ergeben. Auf der Strecke Hamburg – Berlin realisiert die Deutsche Bahn „Fahrzeitrelationen Bahn/MIV“ zwischen 0,54 (nach Wittenberge) und 0,62 (nach Berlin Hbf.). Hieraus leiten sich folgende bedarfsgerechte Zielvorgaben (in Kursivdruck) ab:
| Von Kopenhagen nach |
Hamburg |
Kiel |
Lübeck |
| Entfernung MIV |
334 km |
273 km |
271 km |
| Fahrzeit MIV |
3:39 |
3:23 |
3:03 |
| Flugdauer |
0:50 |
- |
- |
| Entfernung Bahn |
355,7 km |
372,5 km |
291,8 km |
| Ziel-Fahrzeitrelation Bahn/MIV |
0,62 |
0,67 |
0,60 |
| Ziel-Reisezeit Bahn |
2:15 |
2:15 |
1:50 |
Tab. 3: Zielvorgaben für einen bedarfsgerechten Ausbau der Schienenanbindungen
Unter Berücksichtigung der Leitsätze des ROG ergeben sich für die Zuläufe zum Fehmarnbelt-Tunnel folgende funktionalen Anforderungen:
- Ad Hauptzulauf: Auf der Strecke Hamburg – Kopenhagen dürften sich unter einer Zielgeschwindigkeit vz = 200 km/h bei 5 Zwischenhalten (Lübeck, Fehmarn-Burg, Nyköbing, Naestved, Hoeje Taastrup) mit Haltezeiten zu je tH = 2 Min. eine Reisegeschwindigkeit vR = 160 km/h mit einer Reisezeit tR = 2:15 und damit eine „Fahrzeitrelation Bahn/MIV“ von 0,62 erzielen lassen. Bei mehr Zwischenhalten wäre die Zielgeschwindigkeit vz in den Hochgeschwindigkeitsbereich (> 200 km/h unter geänderter Fahrleittechnik) zu erhöhen. Fehmarn-Burg wäre als Übergangsknoten zwischen RB/RE- und ICE-Netz in Form eines Durchgangsbahnhofs zu gestalten. Wegen der hochgradigen Mischverkehre zwischen Knoten Hamburg und Neustadt (Holst.) sind parallele Ausweichstrecken mit Entlastungsfunktion oder 3-4-gleisige Trassen unausweichlich.
- Ad Nebenzuläufe: Auf der Verbindung Kopenhagen – Kiel ist mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand eine akzeptable „Fahrzeitrelation Bahn/MIV“ nur durch Reaktivierung der Strecke Eutin – Neustadt zu erreichen; durch sie würde sich die Bahnstreckenentfernung auf maximal 324,7 km reduzieren und ein Umsteigen in Lübeck Hbf. / Bad Schwartau entfallen. Für eine „Fahrzeitrelation Bahn/MIV“ von 0,67 auf der Verbindung Kopenhagen – Kiel müsste eine Iterregio eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von vR = 145 km/h erzielen. Unter einer Zielgeschwindigkeit vz = 200 km/h auf dem Teilstück Kopenhagen – Neustadt (Länge: 261,4 km; Fahrtdauer: 1:42) wäre auf dem Teilstück Neustadt – Kiel (Länge: 63,3 km) eine Reisegeschwindigkeit von 115 km/h ausreichend. Sie erlaubt eine regionale Anbindung der Kreise Ostholstein und Plön über die Haltepunkte Oldenburg, Neustadt, Eutin, Plön und Preetz.
- Ad Zuläufe mit Ausweich- und Entlastungsfunktion: Um den Knoten Hamburg und die „Stormarn“-Strecke Hamburg-Lübeck von Transit-Ferngüterverkehren auf dem ERTMS-Korridor Stockholm – Neapel zu entlasten, dient die Strecke Lübeck – Büchen – Lüneburg als Zulauf mit Ausweich- und Entlastungsfunktion.
Mit eingleisigen Brücken über den Fehmarnsund und den Störstrommen lassen sich diese Vorstellungen allerdings kaum realisieren!
Der Bürger muss ein Machtwort sprechen:
Die Verkehrsminister des Königsreichs Dänemark und der Bundesrepublik Deutschland, Henrik Dam Kristensen und Peter Ramsauer, mögen sich an einen Tisch setzen, die Planung der Schienenzuläufe zum Fehmarnbelt-Tunnel beraten und den Bürgern erklären,
- welche Verkehrspolitik sie betreiben wollen,
- welche Rolle dabei die Schiene spielt und
- welche Steuerungselemente den verkehrspolitischen Zielen am besten dienen und deshalb eingesetzt werden sollen.
Die dritte Frage lässt sich wie folgt konkretisieren:
Welche Rechtsformen und Beteiligungsarten erlauben, den Wettbewerb auf der Schiene am besten zu regeln, um eine zukunftsorientierte Netzinfrastruktur zu gewährleisten?
Um die Beantwortung der Fragen drückt sich die Politik bislang herum. Die Fehmarnbelt Days 2012 bieten die Chance sie zu klären! Dessen ungeachtet kristallisiert sich heraus:
Offensichtlich funktioniert der Wettbewerb zwischen verschiedenen Anbietern von Personen- und Güterverkehren auf der Schiene nur, wenn Netz und Betrieb in getrennten Händen liegen und alle Anbieter ein Mitwirkungsrecht bei der Netzplanung erhalten. Nur so scheint garantiert, dass die Planungen
- unabhängig von den Interessen eines dominierenden Anbieters der Schienenverkehre,
- losgelöst von dessen kurzfristigen Nutzen/Kosten-Erwägungen und
- unter der gebotenen Beachtung raumwirtschaftlicher Erfordernisse geschehen.
In Dänemark wurden 1996 Netz und Betrieb getrennt. Seitdem wird das Netz von der staatlichen Behörde Banestylrelsen (ab 2005 Banedanmark) verwaltet, die Personenverkehre auf den wichtigsten Bahnstrecken von den Danske Statsbaner betrieben. Banedanmark investiert bei den Zuläufen zum Fehmarnbelt-Tunnel in Strecken mit Höchstgeschwindigkeiten bis zu 230 km/h. Obwohl der Staatsvertrag im Fehmarnbelt-Tunnel Mindestgeschwindigkeiten von 160 km/h für Personenzüge vorsieht, plant die DB Netz AG auf dem Hauptzulauf niedrigere Höchstgeschwindigkeiten. Wie ist da eine Wirtschaftlichkeit des Vorhabens zu erwarten? Die Forderung der Europäischen Kommission nach einer strikten Trennung von Infrastruktur und Betrieb ist wohl nicht unberechtigt.
Zur Person
Prof. Dr. rer. pol. Wilhelm Hummeltenberg (Dipl.-Ing., Dipl.-Wirtsch.-Ing.), *1948 in Düsseldorf, studierte an der RWTH Aachen Allgemeine Elektrotechnik und Wirtschaftswissenschaften. Seit 1986 vertritt er an der Universität Hamburg Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik (Business Informatics). Seine Forschungsschwerpunkte sind: Data Warehousing, Business Intelligence und Decision Engineering. Er ist Mitglied diverser wissenschaftlicher Vereinigungen; als Mitglied des TDWI (The Data Warehouse Institute) Germany e.V. steht er in engem Kontakt mit der Wirtschaft der Metropolregion Hamburg.